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Anonym auf Twitter?

Daniel Menna frägt auf Twitter:

Wie verhält es sich eigentlich mit der Kombination “starke Meinungen / anonymer Auftritt” auf Twitter? Was meint ihr?

— Daniel Menna (@MadMenNa) November 13, 2012

Daraufhin ist eine richtige Diskussion losgegangen, mit vielen Antworten auf weniger als 140 Zeichen, und keine vermag mich so richtig zu überzeugen. Deshalb antworte ich auch – nicht auf Twitter, weil die Frage in meinen Augen zu komplex ist, um sie mit 140 Zeichen zu beantworten. Zudem bin ich selber nicht mit meinem richtigen Namen auf Twitter unterwegs, und das hat seine Gründe (dazu mehr weiter unten).

Erstens einmal: Anonym auf Twitter unterwegs ist niemand, auch wenn dies zuerst so scheint. Richtige Anonymität herrscht nur dann vor, wenn der anonyme Benutzer von anderen anonymen Benutzern nicht zu unterscheiden ist, und keine Rückschlüsse auf vorherige sowie nachfolgende Nachrichten möglich sind. Man muss dafür nicht das Pseudonym “Anonym” als Absender nehmen, man kann sich auch als “Hans” oder “Fritz” bezeichnen, was schlussendlich eine Rolle spielt, ist, ob man reidentifizierbar ist. Solange man freie und wiederkehrend freie Namenswahl hat, ist eine Reidentifizierung höchstens über Dinge wie die IP-Adresse oder den spezifischen Fingerprint eines Browsers möglich. Bei der Kommentarfunktion unten ist dies zum Beispiel der Fall. Wenn ich irgendeinen Namen eingebe, bin ich anonym. Wenn ich meine Gravatar-verknüpfte Emailadresse eingebe, bin ich (re-)identifiziert.

Weil man auf Twitter einen Account haben muss, um tweeten zu können, ist Anonymität also von vornherein ausgeschlossen, ausser man erstellt für jeden Tweet einen neuen Account mit neuem Screenname, und genau hier liegt der Hund begraben.

@wnstns Gottchen, diese Anonym-/Pseudonym-Diskussion erinnert mich sehr an meine 7 Jahre beim Datenschutz 🙂

— Daniel Menna (@MadMenNa) November 13, 2012

Obwohl die Unterscheidung in Anonymität und Pseudonymität zuerst wahrscheinlich nach schulmeisterlicher Belehrung und Besserwisserei tönt, spielt sie bei der Beantwortung obiger Frage doch eine wesentliche Rolle. Denn wenn jemand auf Twitter wirklich anonym sein möchte und effektiv für jeden Tweet einen neuen Account erstellen würde, dann hätte er null Follower. Und da die Einflusssphäre auf Twitter bekanntlich mit der Anzahl Followern steigt, welches Gewicht hat denn eine “starke Meinung”, wenn sie niemand liest?

 

Die gute Dame @Wilde_Worte meint mit folgendem Tweet wohl offensichtlich nicht Meinungen, die auf Twitter verbreitet werden:

@madmenna Anonym geäusserte Meinungen sind eher unreflektiert, finde ich. Und feige. (Schliesse Ausnahmefälle nicht aus.)

— Sofia Esteves (@Wilde_Worte) November 13, 2012

Das mag in ihren Augen schon stimmen, aber falls sie damit wirklich meint, pseudonyme Meinungsäusserungen auf Twitter seien per se feige, muss ich heftigst widersprechen.

 

Deshalb die neue Frage, von mir umformuliert: Muss man auf Twitter mit seinem echten Namen (der im Pass oder auf dem Geburtsschein oder wo auch immer steht) kommunizieren, um ernst genommen zu werden? Meine Antwort: Nein.

Dazu der etwas geistreichere Tweet von @rentapwha, der vielleicht doch etwas einfacher zu beantworten ist (hier auch ihre etwas längere Replik zum Nachlesen auf Twitlonger.com):

@madmenna @romanaganzoni @wilde_worte @maddaniels1 was ist d unterschied zwischen polarisieren mit echtnamen&solchen mit nickname?

— Michèle Meyer (@rentapwha) November 13, 2012

Ein pseudonymer Account hat wie jeder andere die Möglichkeit, die Berechtigung und vielleicht sogar die Glaubwürdigkeit, eine (politische) Meinung kund zu tun, ob sie nun polarisiert oder nicht. Ob die Meinung in der Twittersphäre (und ich rede in erster Linie nur von der Twittersphäre, nicht von nach Skandaltweets lechzenden Medien) eine Rolle spielt, entscheidet letztendlich nur, ob die Meinung kommentiert und weiterverbreitet wird, und von wie vielen Leuten sie gelesen wird. Wenn also ein pseudonymer Account irgendeinen groben Bockmist verbreitet, wird ihn seine Folgschaft schon darauf hinweisen und ihn womöglich sogar im Regen stehen lassen, oder niemand kriegt es mit. So einfach ist das.

Pseudonymität ist eine grossartige Errungenschaft, die im Internet gelebt wird und gelebt werden soll. Ich kann es zwar sehr verstehen, wollen Journalisten und Politiker, die täglich in ihrem Namen Zeug von sich lassen, auf Twitter erkennbar sein (denn sonst hätten sie wahrscheinlich keine Follower). Wenn jemand jedoch im “real life” kaum bekannt ist, dann spielt es genau gar keine Rolle, ob er seine Meinung pseudonym oder mit echtem Namen kund tut (es sei denn, die Äusserung stehen im Konflikt mit dem Gesetz, was aber hierzulande unter dem Strich sowieso kaum geahndet wird). Und auch hier wieder: Wenn ein Troll mit 2 Followern zum Abbrennen von Asylzentren auffordert – wen kümmert es dann?

Mir ist bewusst, dass man die anfangs gestellte Frage interpretieren kann, wie man will. Dies hier war mein persönlicher Senf zum Thema und ich hoffe, die Diskussion geht auf mehr als 140 Zeichen weiter, denn sie ist nicht nur interessant, sondern auch wichtig.

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